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Verbale Abrüstung

 

 

 

 

 

Derzeit spielt sich in Amerika ein beispielloser Feldzug zwischen den am 20. Jänner als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigten Donald Trump und einem Großteil der etablierten Medien ab. Trump teilt aus, faucht und keilt herum. Die präsidiale Etikette? Fehlanzeige. Er fühlt sich offenbar den irdischen Sphären entrückt. Dieses chauvinistische Gehabe macht ihn auf der einen Seite für viele unsympathisch, sagt aber auf der anderen Seite enorm viel über das politische und gesellschaftliche System unserer Zeit aus. Denn eines dürfen wir in der ganzen Diskussion nicht außer Acht lassen: Trump wurde in freien Wahlen zum mächtigsten Mann der Welt gekürt. Über das amerikanische Wahlsystem mittels Wahlmänner und über die Tatsache, dass fast die Hälfte der Amerikaner gar nicht zur Wahl ging, kann man freilich geteilter Meinung sein. 

 

Was derzeit aber in Bezug auf Trump auf der verbalen und kommunikativen Ebene abläuft, entspricht schon längst nicht mehr den Grenzen einer zivilisierten Gesellschaft. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verglich ihn jüngst sogar mit den IS-Schlächtern, die unschuldigen Menschen die Köpfe abschneiden. Der US-Präsident wird dabei mit blutigem Messer in der einen und dem abgetrennten Kopf der Freiheitsstatue in der anderen Hand dargestellt. Es war klar, dass dieses Cover für Entsetzen und Unmut sorgen musste. Das war wohl auch so beabsichtigt. Das allerdings hat mit journalistischer Freiheit und dem Anspruch als „vierte Gewalt“ nichts mehr gemein. Man kann, ja man muss, Trump – genauso wie allen anderen Mächtigen – auf die Finger schauen. Aber man darf dabei den humanen Geist niemals an der journalistischen Garderobe ablegen. Das gebieten im Übrigen auch die deontologischen Grundsätze für guten Journalismus. Wenn aber die ethischen und moralischen Grundsätze ins Wanken geraten, dann ist der Weg in die journalistische Gosse schon vorgezeichnet. 

 

Diesen „hyperventilierenden Anti-Journalismus“ gibt es im Übrigen auch bei uns. Nehmen wir einfach die jüngste Debatte über das Kreuzverbot im öffentlichen Raum. In Österreich nahm die Diskussion den Anfang und schwappte auf das „heilige Land Tirol“ über. Brigitte Foppa von den Grünen hat sich erlaubt, im Rahmen eines Interviews darauf hinzuweisen, dass „Italien ein Laienstaat“ sei, der die Trennung zwischen Kirche und Staat vorsieht. Die Präsenz von religiösen Symbolen im öffentlichen Raum gehöre allerdings als kulturelle Tradition dazu. Punkt! Keine Forderung ihrerseits, das Kreuz in den öffentlichen Räumen abzunehmen. Nur: Es kam ganz anders rüber. Vor allem dank der Schlagzeile „Weg mit dem Kreuz“. Garniert mit dem Konterfei der grünen Abgeordneten. 

 

In der Folge übernahmen mehrere Online-Portale die „Nachricht“ ungefiltert und ohne zu verifizieren. Diese Praxis des „Abschreibjournalismus“ verursachte dann eine regelrechte Belästigungswelle via Internet. Die Kommentare fielen zumeist wenig christlich aus und enthielten zum Teil sogar grausame Gewaltvorstellungen. Sogar von „Kreuzigung“ war die Rede! 

Ja, geht’s noch? Es ist höchst an der Zeit, verbal wieder abzurüsten. Denn solche Auswüchse können fatale Folgen haben. Für die physische und psychische Unversehrtheit von Menschen. Und sie beschädigen letztlich auch den Journalismus selbst. 

 

 

Reinhard Weger

 

 

 

 

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