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Zerrissen

 

 

 

 

 

Norbert C. Kaser wurde am 19. April 1947 als uneheliches Kind in Brixen geboren. Er wuchs in Bruneck auf, da dort sein Vater lebte und würde heuer seinen 70. Geburtstag feiern. Allerdings betrieb er durch seinen ausschweifenden Alkoholkonsum einen dermaßen üppigen Raubbau an seinem Körper, bis er schließlich den letzten Lebensfunken dahingab. Am 21. August 1978 starb er im Krankenhaus von Bruneck an den Folgen einer Leberzirrhose. Sein letztes Gedicht „ich krieg ein kind“ beschreibt folgerichtig den Verfall seines Körpers kurz vor dem Tod.

 

Kaser war zeitlebens ein kritischer Geist. Er ließ sich nicht beugen. Er eckte mit dem Establishment ständig an. Unvergessen sein Auftritt auf einer Studientagung der Südtiroler Hochschülerschaft in Brixen, als er auch mit der Südtiroler Vorkriegsliteratur abrechnete. Sinngemäß meinte er, dass „99 Prozent der Südtiroler Literaten am besten nie geboren worden wären“. Und weiter: „Meinetwegen können sie noch heute ins heimatliche Gras beißen, um nicht weiteres Unheil anzurichten.“ Als er auch noch dazu aufrief, das „heilige“ Wappentier der Südtiroler, den Tiroler Adler, „wie einen Gigger zu rupfen“, war definitiv Feuer am Dach. Er wurde zur Unperson und entsprechend ausgegrenzt. Er wurde selbst in Bruneck – seiner „haßgeliebten“ Heimatstadt – sehr schlecht behandelt, obwohl sich heute nahezu jeder als „Freund Kasers“ outet. Posthum, versteht sich!

 

Die Ausgrenzung dieses Mannes hatte natürlich Auswirkungen auf sein Leben. Seine vielen literarischen Werke wurden zum überwiegenden Teil erst nach seinem Tod veröffentlicht. Es soll aber an dieser Stelle daran erinnert werden, dass dies vor allem einem Mann zu verdanken ist, der zeitlebens zu Kaser gehalten hat. Die Rede geht von Klaus Gasperi, einem der wenigen echten Freunde von N.C. Kaser. Ihm vertraute er laufend Abschriften seiner Texte an, die Gasperi fleißig sammelte und heute den Kern des Kaser-Nachlasses bilden. Parallel zum Erscheinen der ersten Kaser-Texte aus diesem Nachlass realisierte Ivo Barnabò Micheli im Jahr 1984 den ersten Film über das Schicksal des Schriftstellers.

 

Kaser ist ein beredtes Bespiel dafür, wie mit Menschen umgegangen wird, die ihren eigenen Weg gehen. Die nicht mit dem Strom schwimmen. Kaser kroch nicht vor jenen Menschen, welche ihn gebeugt oder geneigt sehen wollten. Und er kritisierte zu Recht, dass es auch in Südtirol jede Menge Literaten gab, die der nationalsozialistischen Ideologie mehr oder weniger offen gegenüberstanden. Doch bislang wurde dieses unrühmliche Kapitel der Südtiroler Geschichte nur marginal aufgearbeitet. Wenn das Jubiläumsjahr Kasers dazu dient, Vergangenheitsbewältigung zumindest in literarischer Hinsicht zu üben, dann wäre schon viel erreicht. Es wäre ein erster Schritt, die Zerrissenheit zu kitten. Denn von Denkmälern und Ähnlichem hat Kaser nie viel gehalten und die bringen ihm mittlerweile auch nicht mehr allzu viel!

      

 

Reinhard Weger

 

 

 

 

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