icon kommentar

Bettler und Zivilcourage

 

 

 

 

 

Der berühmte französische Philosoph Voltaire hat seinerzeit den Ausspruch getätigt: „Jedes Land, in dem Betteln ein Beruf ist, wird schlecht regiert.“ Gemessen an der Anzahl der Bettler ist auch hierzulande Handlungsbedarf angesagt. Denn die Anzahl der Bettler nimmt zu. Das beunruhigt die Menschen. Denn sie mögen die Bettler nicht. Zum Teil fürchten sie sich vor ihnen, zum Teil empfinden sie diese Menschen als lästig. Das hat dazu geführt, dass in verschiedenen urbanen Zentren, darunter in Bruneck und St. Lorenzen, das Betteln an bestimmten Orten über eine bürgermeisterliche Anordnung verboten worden ist. Diese Anordnungen hat nun der Staatsrat in Rom kassiert, was mit Befremden aufgenommen worden ist. Die deutschen Oppositionsparteien aus dem patriotischen Eck haben den höchstrichterlichen Beschluss wenig schmeichelhaft als „völlig realitätsfremd“ abgetan. 

 

In Bruneck wurde ein anderer Weg eingeschlagen. Es wurde versucht, den vielen Parolen einige harte Zahlen entgegenzusetzen. Denn wenn jemand ein Bettler ist, ist das ja keine Schande. Aber das ist auch das einzig Gute, was man über das Betteln selbst sagen kann. Denn in einer Welt, in der viele Hände betteln müssen, stellt sich die Frage nach der Wertstellung und Ethik der menschlichen Gesellschaft. Laut der Erhebung des Sozialmanagers Marcello Cont und des Soziologen Francesco Campana sind im Schnitt täglich zwei Bettler in Bruneck unterwegs. Allerdings können es an Spitzentagen auch schon mal bis zu sechs gleichzeitig sein. Diese wiederum konzentrieren sich auf wenige „gute Plätze“ im Zentrum. Die Erhebung in Bruneck hat auch ergeben, dass rund ein Drittel der Bettler ein aufdringliches Verhalten an den Tag legt. Damit ist das viel zitierte Phänomen des „aggressiven Bettelns“ auch wissenschaftlich untermauert.  

 

Genau darin liegt das Kernproblem. Wenn schon – wie man hört – beobachtet wird, dass Bettler Frauen und älteren Menschen zu sehr auf die Pelle rücken oder sie sogar anfassen, um sie zum Anhalten zu bewegen, dann ist Schluss mit Lustig. Das Gleiche gilt, wenn Frauen auf Fahrrädern blockiert werden oder – noch schlimmer – wenn Menschen in die Brieftasche gegriffen wird, um das Bettelgeld zu erhaschen. Derartige Vorkommnisse dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen, sondern müssen rigoros geahndet werden. Denn so ein Verhalten ist einfach kriminell und darf nicht toleriert werden. 

 

Da bin ich nun bei der zweiten Seite der Medaille. Wenn schon derartige Machenschaften beobachtet werden, dann frage ich mich, warum das niemand unterbindet? Warum kommt niemand den bedrängten Personen zu Hilfe? Natürlich kann die Polizei nicht überall gleichzeitig sein, aber mit ein wenig Zivilcourage kann jeder von uns dazu beitragen, dass Grenzen des Anstandes auch von den schwarzen Schafen unter den Bettlern nicht übertreten werden. Zivilcourage ist aber offenbar eine Selbstverständlichkeit, die aber leider nicht immer selbstverständlich ist. Darüber sollten wir uns echt den Kopf zerbrechen.

      

 

Reinhard Weger

 

 

 

 

Zusätzliche Informationen