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Eine Zäsur

 

 

 

 

 

Deutschland ist in vielerlei Hinsicht wichtig für Südtirol. Nicht nur in politischer Hinsicht. Noch viel mehr Gewicht bringt die wirtschaftliche Komponente auf die Waage. Die Verflechtungen zwischen Südtirol und Deutschland sind eng, wie auch anlässlich der Vorstellung des neuen Automotive-Technologieparks in Bruneck zu hören war. Bayern gilt darüber hinaus als eine Art großer Bruder zum heiligen Land Tirol. Und die liberal angehauchte Frömmigkeit zelebrieren die beiden „Brüder“ ja mit derselben Hingabe. Immer wieder wird auch behauptet, dass das, was in Deutschland passiert, in zehn Jahren auf Südtirol überschwappt. Wenn es in einem geeinten Europa aber immer so lange dauert, dann haben wir das Kernproblem der europäischen Integration somit erfasst. Aber das ist ein anderes Thema!

 

Wesentlich interessanter sind die Wahlen zum deutschen Bundestag, die am vergangenen Sonntag durchgeführt wurden. Dabei wurde Angela Merkel zwar wieder mit einem Regierungsauftrag ausgestattet, aber „Mutti“ wurde ordentlich gerupft. Die Volksparteien verloren dramatisch an Stimmen. Merkel muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie es zugelassen hat, dass an den Rändern zum Teil extremistisch orientierte Parteien und Politiker den Weg in den deutschen Bundestag gefunden haben. Das war nur möglich, weil die größte Regierungspartei die Flügel sträflich vernachlässigt hat. Kanzlerin Merkel hat damit den politischen Halbstarken der „Alternative für Deutschland“ (AfD) den Weg in das höchste parlamentarische Gremium überhaupt erst ermöglicht. Eine Zäsur für Deutschland!  

 

Nun ist die halbe Welt entsetzt. Doch protestiert wurde gegen die AfD erst nach dem Wahlgang. Das – liebe Leute – ist schlicht zu spät. Der Vorsitzende der SVP-Arbeitnehmer, Helmuth Renzler, befürchtet nicht zu Unrecht, dass der Vormarsch der Rechten ein soziales Europa einbremsen wird. Ich wage sogar zu behaupten, dass die erstarkten Rechtsparteien einen gefährlichen Polarisierungsprozess in Gang bringen werden, der eine normale politische Tätigkeit zum Teil gar nicht mehr zulässt. Denn es wird nur mehr der gehört, der sich am mächtigsten und verbal am lautesten in Szene zu setzen vermag. Keine guten Aussichten für eine Politik, die eigentlich auf die Konfrontation der Ideen setzen müsste. 

 

Bleibt die Frage, ob Südtirol gegen derartige Trends immun ist. Arno Kompatscher hat erst jüngst die Messlatte für die bevorstehenden Landtagswahlen im Herbst 2018 entsprechend hoch gelegt. Doch die SVP vernachlässigt ebenfalls seit Jahren ihren linken und noch viel mehr ihren rechten Rand. Das patriotische Lager hat sich bereits von der edelweißen Sammelpartei verabschiedet und bei anderen Parteien eine politische Bleibe gefunden. Sogenannte Heimattreue wurden in der SVP oft mit Argwohn betrachtet. Dabei wurde ein gesunder Patriotismus nicht selten mit Nationalismus verwechselt. Der Unterschied liegt aber in einem entscheidenden Detail: Der Patriot liebt sein Land, der Nationalist liebt sein Land ebenfalls, muss dies aber mit aller Macht nach außen hin unter Beweis stellen. Die SVP täte also gut daran, ihre Flanken schleunigst abzusichern. Denn die meisten Angriffe – das kennt man vom Fußball – erfolgen über die Flanken! 

          

Reinhard Weger

 

 

 

 

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