Verkehr verkehrt?

  

Die Pustertaler Hauptstraße ist ein Nadelöhr. Die Straße wird den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht. Die Autobahneinfahrt bei Franzensfeste ist eine Engstelle, die viel Rückstau verursacht. Der Asphalt-Belag macht hingegen abschnittsweise einem Kartoffelacker alle Ehre. Denn während die Straßen auf der Osttiroler Seite durchaus ihrem Zweck gerecht werden, holpert und kracht es auf der Südtiroler Seite im Sekundentakt. Und kommt mir jetzt bloß nicht mit der blöden Ausrede vom strengen Winter - denn der ist in Osttirol mindestens genauso schneereich und kalt wie hierzulande!

 

Warum wurde bis dato auch die Idee einer dritten dynamischen Spur in den Wind geschossen? Dieser Vorschlag ist mittlerweile dem Teenageralter längst entwachsen. Beim Bau der Umfahrungen wird ebenfalls mehr punktuell als strukturell gearbeitet. Kurzum: Noch nie gab es auf der Pustertaler Hauptstraße so viel Verkehrsstillstand wie in den letzten Jahren. Es ist anzunehmen, dass die Situation nicht besser wird. Eher ist das Gegenteil der Fall. Der deutsche Schriftsteller und Maler Erhard Blank hat das seinerzeit so ausgedrückt: „Im Verkehr nennt man’s Stau. Beim Verkehr nennt man’s Impotenz. Im Kreislauf nennt man’s Embolie oder Infarkt. Allen ist aber eines gemeinsam: Es ist tödlich - so oder so!“

 

Es braucht also ein Umdenken. Der Versuch, immer mehr Wagen und Lastkraftwagen auf immer engerem Raum in Bewegung zu halten, ist zum Scheitern verurteilt. Dagegen sprechen einfache mathematische Grundsätze. Die Forderungen der Referenten der Bauhütte, die sich am achten April 2018 im Pacherhaus vor rund 200 Menschen austauschten, sind nachvollziehbar. Der Ausbau der Pustertaler Hauptstraße, speziell im Abschnitt Brixen-Bruneck, die Potenzierung des öffentlichen Nahverkehrs und die bessere Vernetzung der unterschiedlichen Mobilitätsschienen muss konkret angegangen werden. Ob der geplante Ausbau der Eisenbahn das Verkehrsproblem im Pustertal zu lösen imstande ist, wage ich dennoch zu bezweifeln. Es braucht wohl vielmehr einen Mix an verkehrstechnischen Maßnahmen.

 

Denn die Gesellschaft ist beschleunigter und um ein Vielfaches dynamischer, als noch vor einigen Jahrzehnten. Wir sind viel mobiler geworden und das funktioniert nicht ohne Verkehr. Die Unternehmen fordern von ihren Mitarbeitern immer mehr Flexibilität am Arbeitsplatz. Das erzeugt Pendlerströme. Wer hingegen den Wettbewerb lobt, muss den damit verbundenen Einkaufsverkehr akzeptieren. Und Hand aufs Herz: Wie oft besucht jeder von uns verschiedene Möbelhäuser, bis man sich endlich für den Kauf einer Couchgarnitur entscheidet?
Das alles erzeugt Verkehr. Die Forderungen nach einer Entschleunigung und die Warnungen, dass die positive Stimmung dem Tourismus gegenüber kippen könnte, sind ebenfalls ernst zu nehmen. Es gibt aber Mittel, gegen den Verkehrswahn anzukämpfen. Die sind jedoch, sobald man den Bereich der Sonntagsreden verlässt, überaus teuer in der Umsetzung. Sie haben darüber hinaus mit der Veränderung unseres eigenen Konsumverhaltens zu tun. Veränderung ist aber etwas, was die Leute am meisten fürchten! 

                        

Reinhard Weger

 

 

 

Zusätzliche Informationen