Flüchtige Zivilcourage

  

Die Flüchtlingskrise hat sich im Jahr 2015 zu einer veritablen politischen Krise entwickelt, deren Auswirkungen schlicht unterschätzt wurden. An der Flüchtlingskrise zerbrach der armselige Rest europäischer Solidarität. Während populistisch angehauchte Haudegen die verbale Keule schwangen, rieben sich Staaten in Südosteuropa am Flüchtlingsstrom auf. Bis zur Erschöpfung. Slowenien musste beispielsweise innerhalb von sieben Tagen so viele Menschen aufnehmen, dass sie damit eine mittelgroße Stadt hätten bevölkern können. Nur: Slowenien hat eben nicht so viele mittelgroße Städte! Italien hatte unter der Flüchtlingswelle ebenfalls massiv zu leiden und schob die Menschen einfach weiter. Die Wellen des Mittelmeeres spülten nahezu täglich massenhaft Menschen an Land des Stiefelstaates. Für viele Menschen wurde das Mittelmeer zum Grab. 

 

Das verursachte am Anfang noch Entsetzen, dann gab es dafür nur mehr ein müdes Achselzucken und am Ende schockierte der Tod des Lieblingshelden in der TV-Serie mehr als ein Bild von einem angeschwemmten Kinderleichnam am Strand. Die Verrohung der Gesellschaft hat den Nährboden für politisch einfache Botschaften bereitet. Mit griffigen und zum Teil auch menschenverachtenden Aussagen wird auch heute noch Stimmung – und ergo Politik – gemacht. Wer es wagt, an die Menschlichkeit und die Sachlichkeit zu appellieren, der wird mit Hasskommentaren überhäuft. Die meisten dieser vor Hass triefenden „Internet-Maulhelden“ verstecken sich hinter Pseudonymen, doch auch auf der politischen Ebene sind derartige Aussagen immer öfter zu hören. Aussagen wie „Das Dreckspack soll im Mittelmeer ersaufen“ sind salonfähig geworden und bekommen eine Menge „Likes“.  

 

Wurden bis vor kurzem solche Spinner als lächerliche Rassisten abgetan, so ist das Problem weitaus größer geworden. Es hat gruppendynamische Auswirkungen angenommen. Der Forderung nach Bestrafung der Internet-Hetzer zeigt erste Früchte, aber auch das greift zu kurz. Es bräuchte endlich eine klare Positionierung von Seiten der Zivilgesellschaft. Diese Reaktion sehe ich derzeit leider nicht. Denn die Menschen scheuen die Auseinandersetzung, sind zum Teil feige und räkeln sich viel lieber im Wohlstand. Die geistige Verfettung hat ohnehin längst krankhafte Züge angenommen. Doch die Gegenmeinung aufzeigen, Haltung zeigen, klar artikulieren was nicht geht und auch einmal gegen jemanden Position einnehmen sind Grundhaltungen und wichtig für eine lebendige Demokratie. 

 

Es braucht wieder einen „Aufstand der Anständigen“. Denn die Flüchtlingskrise lässt sich nicht mit markigen und inhaltsleeren Sprüchen, sondern nur durch Taten lösen. Diese gibt es auch im Pustertal. Die Gemeinden Vintl, Bruneck und Innichen tun viel für die Integration und über das SPRAR-Programm der Bezirksgemeinschaft werden viele Arbeitsplätze an Flüchtlinge vermittelt. Pustertaler Unternehmer springen in die Bresche wo lokale Politiker versagen. Es hat sich gezeigt, dass das System funktioniert. Arbeit hat – unter anderem – eine integrative Wirkung.  
Mehr Integration, Zivilcourage und Sachlichkeit sind also wichtig. Denn eines ist klar: Wenn wir das Problem nicht lösen solange wir noch können, kommt das Problem früher oder später wieder zu uns.       

 

                   

Reinhard Weger

 

 

 

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