Luft zum Atmen

  

Der „große bäuerliche Informationstag“ im Pacherhaus in Bruneck war eine gute Gelegenheit um einige grundsätzliche Dinge klarzustellen. Bei dieser Veranstaltung handelt es sich – zumindest im Pustertal – um einen jährlichen Termin und nicht um eine verkappte Wahlveranstaltung anlässlich der bevorstehenden EU-Wahlen, wie von verschiedener Seite kolportiert wurde. Dass die Bauern dabei unter anderem dem EU-Kandidaten und ihrem ehemaligen Verbandsdirektor Herbert Dorfmann eine Bühne bieten, war zu erwarten. Denn die EU ist für alle wichtig und die kommenden EU-Wahlen werden richtungsweisend sein – auch für die Bauern. Zumal sie derzeit von links und rechts abgewatscht werden. Das hat zum einen mit den veränderten Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft zu tun und ist zum anderen der unglaublichen Oberflächlichkeit der politischen Auseinandersetzung zuzuschreiben. 

 

Auf EU-Ebene werden in den nächsten Jahren die Weichen für die künftige Agrarpolitik (GAP) gestellt. Dass das für Südtirol eine höchst wichtige Angelegenheit ist, liegt auf der Hand. Die größte Veränderung wird es im sogenannten „Neuen Umsetzungsmodell“ geben, das von der EU-Kommission vorgeschlagen wurde. Dabei soll das Subsidiaritätsprinzip noch stärker als heute verankert und umgesetzt werden, wobei den Begebenheiten auf lokaler und regionaler Ebene wesentlich mehr Rechnung getragen werden sollte. Genau das wurde von Südtiroler Seite immer wieder gefordert. Das ist zweifellos auch der richtige Weg, um der zentralistischen Kopflastigkeit der EU eine Entflechtung in regionaler Hinsicht gegenüberzustellen. Es mag sogar sein, dass sich letztlich an dieser Frage die Zukunftsfähigkeit der gesamten EU mittelfristig entscheidet. 

 

Den Bauern selbst ist auch bewusst, dass sie naturnah und vor allem nachhaltig ihrer Tätigkeit nachgehen müssen. Im Februar 2019 sprach der Präsident des deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, im Interview im „Südtiroler Landwirt“ diesbezüglich von einem „Dreieck der Nachhaltigkeit“. Demnach müssen die Bauern „ökologisch, sozial und ökonomisch“ arbeiten. Denn von guten Vorsätzen allein kann keine bäuerliche Familie leben. Am Ende müssen auch die Euros stimmen. Für den hohen Bauernfunktionär kann die natürliche und ökonomische Nachhaltigkeit nur dann herbeigeführt werden, wenn „Biodiversität und Wettbewerbsfähigkeit im Gleichgewicht“ sich befinden. Es braucht also den goldenen Mittelweg. Da sind wir wieder beim Hausverstand, über den ich an dieser Stelle schon des Öfteren geschrieben habe…

 

Die Bauern brauchen kein enges bürokratisches Regelwerk, das sie wie ein Korsett zusammenschnürt und die Luft zum Atmen nimmt. Sie brauchen ehrliche Gespräche auf Augenhöhe, eine auf gegenseitige Partnerschaft aufgebaute Marktsituation, eine gute Kommunikation nach innen und außen sowie verlässliche Ansprechpartner auf allen Ebenen. Nur so können die notwendigen Anstrengungen zu noch mehr Umwelt-, Klima-, Tier- und Artenschutz verstärkt werden. Das geht jedoch nur im gemeinsamen Schulterschluss. Neben den Bauern müssen auch die Vermarkter und vor allem die Verbraucher selbst mitziehen, indem sie bereit sind, für gute einheimische Produkte im schlimmsten Fall ein paar Euro mehr auf den Tisch zu legen. Denn die Gesundheit wohnt beim Bauern, wie ein deutsches Sprichwort so schön sagt.

 

                         

Reinhard Weger

 

 

 

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