Familien auf dem Abstellgleis

  

Das Sars-CoV-2-Virus hat auch in Südtirol für gewaltige Nachwirkungen gesorgt. Viele Maßnahmen wurden auf den Weg gebracht und noch viele weitere werden folgen. Denn die Gesundheitskrise hat sich – wie erwartet – zu einer veritablen Gesellschafts- und Wirtschaftskrise entwickelt. Wobei derzeit in erster Linie die Folgen des stotternden Wirtschaftsmotors aufgefangen werden sollen. Hand auf’s Herz: Wirklich jeder ist froh, dass nach der erzwungenen Entschleunigung die Unternehmen wieder arbeiten und damit Einkommen generieren können. So weit, so gut! Denn ohne eine starke Wirtschaftsleistung werden die gewaltigen Anforderungen, die auf uns noch zukommen werden, wohl kaum zu stemmen sein. 

 

Bislang aber völlig außen vor gelassen wurden die vielen Familien, die zu Hause über sich hinauswachsen. In vielen Sonntagsreden ist jedoch zu hören, dass die Familien die „Keimzellen der Gesellschaft“ seien. Davon war in den letzten Wochen und Monaten aber wenig zu spüren. Zudem sind die Frauen und Kinder vom Lockdown am meisten betroffen. Viele Mütter stellen sich tapfer den Mehrfachbelastungen und versuchen ihren Job, ihren Hausfrauen-Job, ihr Mutter-Dasein und die Funktion als „hausverpflichtete“ Lehrperson unter einen Hut zu bringen. Das geht mitunter über die persönlichen Belastungsgrenzen hinaus. Für diese herausragenden Leistungen habe ich bislang von der hohen Politik weder ein Dankeschön und schon gar keine greifbare Unterstützung registriert. Die Familien stemmen das in völliger Eigenregie. Dafür gebührt ihnen mehr als ein schlappes Dankeschön. 

 

Im Rahmen der zweiten Phase und des „Südtiroler Weges“ wurde auch eine halbtägige Notbetreuung in Kindergärten und Grundschulen auf die Beine gestellt. Außerschulische und Kleinkindbetreuungen sollen ebenfalls angeboten werden. Der Start ging schleppend über die Bühne und die Vorgaben waren keinesfalls familienfreundlich. Letztlich wurden nur knapp acht Prozent der Südtiroler Kinder in den deutschen Kindergärten eingeschrieben. Diese Zahl spricht für sich! Dass aber alle jene Eltern ausgeschlossen wurden, die im Homeoffice ihrer Berufspflicht nachkommen, ist ein weiteres Kriterium, das in die Rubrik „unerklärliche Phänomene“ fällt. Denn das „smart-working“ wurde doch quer durch die Bank als eines der besten Instrumente gelobt, um das „social-distancing“ zu wahren – oder habe ich da etwas falsch verstanden?

 

Die Coronavirus-Pandemie hat alle unvorbereitet getroffen. Vieles wurde gut gemeistert, aber auch einiges versemmelt. Dass die Frauen, Kinder und Familien zum Großteil bislang außen vorgelassen wurden, ist aber wirklich ein größerer Schnitzer. Denn die Familien sind die Basis für gesellschaftliche Entfaltung, sie sind Sprungbrett und Geborgenheit in Funktionsunion. Und nur in einer harmonischen Familie können sich letztlich Glück und Erfolg entfalten. Davon wiederum werden wir in den nächsten Jahren eine ganze Menge brauchen.                       

  

       

Reinhard Weger

 

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