In der Warteschleife

  

Der zehnte September 2018 wird in Bruneck als ein Tag in Erinnerung bleiben, an dem sich die Menschen bewusst wurden, dass sie zu einer Nummer verkommen sind. Konkret geht es um das unsagbare System der Auswahl der Hausärzte. An besagtem Tag mussten Hunderte von Menschen stundenlang vor den Toren des Brunecker Sanitätssprengels anstehen, um ihren Vertrauensarzt zu wählen. Kurz nach 2.00 Uhr Früh kam der erste Patient. Mit einer Decke und etwas Lesestoff und Proviant ausgestattet reihte er sich folgsam ein. Nur wenig später stießen weitere „Leidensgenossen“ dazu. Mit jeder Minute wurde die Schlange länger und reichte schließlich bis in die Nebenstraßen. Autos und Fahrräder kamen nur mehr schwer an den wartenden Menschen vorbei, sodass die Brunecker Ortspolizei zur Verkehrssicherung anrücken musste.

 

„Schlange stehen für den Doktor“ titelte dann auch Dolomiten-Kollege Martin Tinkhauser. Das stundenlange Warten war vor allem für gesundheitlich angeschlagene, aber auch ältere und behinderte Mitmenschen eine Tortur. Selbst Menschen im Rollstuhl mussten sich hinten anstellen. Nach unsäglichen Stunden des Wartens waren schließlich die verfügbaren Patientenplätze vergriffen und viele mussten unverrichteter Dinge nach Hause gehen. Oder noch perverser: Sie durften jene frei gewordenen Stellen auswählen, die zuvor von den Patienten des vor der Pensionierung stehenden Brunecker Hausarztes Dr. Albert Hopfgartner abgegeben wurden. Da dieser aber mit Mitte November seine Tätigkeit einstellen wird, geht für diese Menschen die Tortur in zwei Monaten wieder von vorne los. Ja, geht’s noch?

 

Da frage ich mich schon, warum im Zeitalter der völligen digitalen Entrückung das Ganze nicht einfach telematisch erledigt werden kann? Das lässt den Schluss zu, dass es mit der Informationsweitergabe nur bedingt klappt. Denn solche langen Warteschlagen kennt man nur aus nordkoreanischen Fernsehbildern bzw. aus Fotos vom Nachkriegsdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. So etwas ist eines Landes wie Südtirol schlicht unwürdig und eine Geringschätzung der Menschen. Die Wahl des Hausarztes ist nämlich eine absolute Vertrauenssache. Der Hausarzt ist zudem mehr als ein normaler Doktor. Er verabreicht neben Medikamenten auch verbale Streicheleinheiten und kann damit oft wahre „medizinische“ Wunder verbringen. Dasselbe gilt für die übrigen Ärzte. 

 

Allerdings ist die Realität eine andere: Ärzte sind ebenfalls zu numerischen Statisten verkommen und müssen sich an Patienten-Obergrenzen und sogar an zeitliche Vorgaben für die Patientenbetreuung halten. Ein solcher Unsinn kann nur Bürokraten einfallen, die jeden Bezug zur Menschlichkeit verloren haben. Dieses System muss daher dringend reformiert werden. Die Tatsache, dass Rechtsanwälte mehr verdienen als Ärzte, sagt ebenfalls einiges über den Zustand im Land aus. Es wurde in Vergangenheit darüber hinaus schlicht zu wenig dafür getan, den drohenden Ärztenotstand aufzufangen. 
Die Verantwortlichen sind nun offenbar aus ihrem Dämmerschlaf erwacht. Bleibt zu hoffen, dass damit für die Menschen nicht die Alpträume beginnen!

 

                     

Reinhard Weger

 

 

 

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