Parallel zur Fußball-Europameisterschaft der UEFA in Frankreich beherbergte das Pustertal vom 18. Bis 26. Juni die Fußball-Europeada der FUEN (Federal Union of European Nationalities). Nach 2008 (Graubünden) und 2012 (Oberlausitz) war dies bereits die dritte Auflage dieses Bewerbs. Erstmals mit von der Partie waren hingegen die Frauen. Südtirol räumte geschlechterübergreifend ab. 

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FUEN-Europameister mit dem Chef der Provinz- und Regionalregierung, Arno Kompatscher (in Seiser Tracht) und dem Parlamentarier und FUEN-Vizepräsidenten Daniel Alfreider.

Am Turnier teilnahmen insgesamt 29 Mannschaften, davon sechs Frauen-Teams. Der Sieg ging sowohl bei den Herren als auch bei den Damen an die Mannschaften des Gastgeberlandes. Für die Herren war das nach 2008 und 2012 bereits der dritte Erfolg na cheinander. Die Frauen feierten hingegen den Auftaktsieg in ihrer Kategorie. Die weiblichen Zeitgenossinnen wurden heuer nämlich erstmals zum Turnier zugelassen. Bemerkenswert ist diesbezüglich, dass das Kräftemessen in beiden Finalspielen zwischen den Südtirolern/innen einerseits und den Occitániern/innen (Südfrankreich) andererseits ablief. Und beide Male, wie erwähnt, behielten die einheimischen Teams die Oberhand. 

 

Diverse Austragungsorte

Austragungsorte der Spiele waren St. Martin i.Th., St. Vigil i. E., Pfalzen, Olang, Niederdorf, St. Johann i.A., Mühlwald und Sand  i. Taufers. Der Auftrag an das Organisationskomitee mit dessen Chef Siegfried Stocker war, die einzelnen Spielstätten zunächst ausfindig zu machen und in der Folge den Anforderungen entsprechend herzurichten, dazu ein angenehmes Umfeld zu schaffen, und schließlich für den reibungslosen Turnierverlauf Stunde für Stunde einzustehen. All das entpuppte sich als organisatorische und operative Monsterarbeit, „die nur durch das bereitwillige Entgegenkommen der Sportvereine vor Ort und das Mitwirken einer halben Tausendschaft freiwilliger Helfer während der Wettkampftage zu bewältigen war“, so ein erleichterter Stocker in Sand in Taufers, gleich nach dem Finalspiel der Herren und der anschließenden Prämierung, am 25. Juni.

Sein und seiner Mitarbeiter Auftrag reichte jedoch weit über den streng sportlichen Rahmen hinaus. Die Mannschaften samt dem Begleittross, insgesamt um die Tausend an der Zahl, mussten versorgt, betreut, gefahren und von Fall zu Fall auch unterhalten werden. „Die Delegationen der Sprachminderheiten sollten das Pustertal nämlich nicht allein auf dem grünen Rasen, sondern auch landschaftlich, gesellschaftlich und kulturell erleben können, insoweit dies in der kurzen Zeit und neben den fußballerischen Verpflichtungen noch möglich war“, so Stockers Vorgabe. 

 

Umfangreiches Rahmenprogramm

In der Tat, es wurde den Gästen allerhand gezeigt. Gleich zum Auftakt wurden sie auf den Kronplatz hochgegondelt, wo die grandiose Aussicht und Messners Bergmuseum die Attraktionen waren. Aber auch andere Ausflugsmöglichkeiten wie zum Stausee nach Lappach oder zu den Seen nach Antholz, Prags und Toblach wurden gern wahrgenommen. Ebenso wurde das ladinische Museum in St. Martin i.Th. besichtigt. Dort wurde übrigens auch eine aktualisierte und erweiterte Ausgabe des „Handbuch der Europäischen Volksgruppen“ vorgestellt, eine Gemeinschaftsarbeit von Christoph Pan, Beate Sibylle Pfeil und Paul Videsott. 

Unter der Schirmherrschaft von On.le Daniel Alfreider, seines Zeichens auch Vizepräsident der FUEN und in dieser Funktion Nachfolger von L.-Ministerin Martha Stocker, wurde außerdem ein Theaterprojekt auf den Weg gebracht, darin zurzeit, nebst dem Brunecker Stadttheater, das deutsch-sorbische Volkstheater Bautzen, das Theater Genedlaethol  Cymru (Wales), das Theater der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien AGORA und das Theater Zydowski (Warschau) eingebunden sind. Das Projekt wurde auf den Namen „Vox“ getauft und soll, wie schon der Name besagt, den Minderheiten eine gewichtige Stimme werden. Konkretes dazu, so Theatermacher Klaus Gasperi, dürfte in etwa einem Jahr auf die Bühne gebracht werden. Projektleiter ist übrigens Dirk Nelder.

 

400 autochtone Sprachminderheiten

Laut Martha Stocker, der früheren FUEN-Vizepräsidentin, gibt es in Europa etwa 400 autochtone Sprachminderheiten. Zusammengenommen zählten sie um die 50 Mill. Menschen. In etwa 100 dieser Minderheits-Organisationen seien Mitglied der FUEN, die ihre Aufgabe als Schirmorganisation „Autochtoner Sprachminderheiten“ versteht und wahrnimmt. Die FUEN wurde 1949 in Paris mit dem Auftrag und dem Ziel gegründet, die Rechte autochtoner Minderheiten in fremden Staaten wahrzunehmen und durchzusetzen, deren Sprache, Kultur, Brauchtum und Identität zu pflegen bzw. zu schützen. 

On.le Daniel Alfreider unterstrich einerseits die Unverzichtbarkeit eines effektiven Minderheitenschutzes, andererseits bedauerte er all die „ungeschützten“ Minderheiten. Spezifisch sprach Alfreider damit die Ladiner der Provinz Belluno an. „Die Ladiner Südtirols genießen den besonderen Schutz und leben im Wohlstand. Für jene in Belluno bestehen keine vergleichbaren Rahmenbedingungen. Solche zu schaffen, dazu ist es wahrscheinlich schon zu spät“, mutmaßte der Parlamentarier zu Rom.

 

Sogar Teamausschluss

Wie eingangs gesagt, wurde die FUEN-Europeada 2008 erstmals, zugleich und auch nach dem Modus der UEFA-Europameisterschaften (Vorrunde, Viertel-, Halbfinale u. Endspiel)  ausgetragen – auch was den Vierjahresrhythmus anbelangt. Hinsichtlich des Niveaus lässt sich ebenfalls eine Parallele ziehen. Hier wie dort hoben sich einzelne Mannschaften von der Spielanlage her klar von den anderen ab. Hier wie dort wurde gekämpft, geschubst, geschoben, getreten, gegoscht und gemault! Hier wie dort gab’s gelbe, gelbrote und rote Karten – Platzverweise, Spielersperren. Sogar einen Spielabbruch und einen Teamausschluss musste die Europeada heuer in Kauf nehmen. Das gab’s bei der UEFA-Europameisterschaft für Nationalmannschaften bislang noch nie.

 

Starke politische Komponente

Die Europeada hatte alle Ingredienzen eines emotional geführten, von Ehrgeiz und Siegesdrang getragenen, spannungsgeladenen und unterhaltsamen Fußball-Turniers. Das war aber nicht alles. Die Veranstaltung war zusätzlich von einer stark politischen Komponente besetzt. Dafür standen bei der Siegehrung der Präsident der Provinz- und Regionalregierung, Arno Kompatscher, seine Sport-Ministerin Martha Stocker, die Onorevoli Hans Berger (röm. Senator), Renate Gebhard, Daniel Alfreider (röm. Parlamentarier), Herbert Dorfmann (eu. Parlamentarier) sowie Dieter Steger (Provinz- u. Regionalrat) unterm Regen und harrten geduldig der Dinge, die da aufs Spiel noch folgen sollten. Derweil bevorzugten die Oppositionspolitiker trockene Tücher. Zumindest waren hinterm „Ehrentisch“ keine auszumachen, obschon gerade die „Süd-Tiroler Freiheit“ mit der Schlussfeier ihre helle Freude gehabt hätte. Da wurden nämlich Kinder mit der adlerbesetzten „Bicolore“ und Aufdrucken wie „Tirol isch lei oans“ über den Platz gehetzt und vor den Tribünen aufgebaut; da wurde bei jeder mehr oder weniger passenden Gelegenheit immer wieder die heimliche Landeshymne „Dem Land Tirol die Treue“ angestimmt. 

Ein stark patriotisch gefärbtes Spektakel also, das eigentlich schon damit seinen Lauf genommen hatte, dass man die beiden Finalisten im Gefolge der von sechs Kindern getragenen „Tiroler-Nationalfahne“ einliefen ließ, die Fahne der Gastmannschaft (der Occitánier) jedoch nicht mitführte. Bei diesem Anblick wurde man unwillkürlich an den Kommentar von Arno Kompatscher zum Brexit-Ausgang erinnert. Er meinte damals, dieser sei dazu angetan, den Nationalisten und Rechtspopulisten Wind in die Segel zu blasen. Ob er sich damit auch auf Südtirol bezog?  Sagte er so eindeutig nicht. Zutreffend wäre die Aussage allemal gewesen. Wie auch immer: Ob UEFA-Europameisterschaften oder FUEN-Europeada - Sport und Nationalismus sind bruchsicher aneinander gekettet – im Großen wie im Kleinen.                   

jessasmaria

 

Die Ergebnisse der Europeada

Männer:

1. Südtirol; 2. Occitània; 3. Koroska/Kärnten; 4. Felvidéki; 5. Rusdeutsch; 6. I Ladins.

 

Frauen:

1. Südtirol; 2. Occitánia; 3. Rusdeutsch; 4. I Ladins; 5. Sebja-Lusatia; 

6. Las Rumantschas.

 

 

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